"Kamillus meets school"

Mendener Realschüler begegnen Drogenabhängigen in einer Entgiftungsklinik. Mädchen und Jungen befassen sich in einem Unterrichtsprojekt mit Drogen und deren Wirkung.

Von: Michael Lehnberg

Sankt Augustin. Es sind erschütternde Lebensgeschichten, die Mendener Realschüler zu hören bekamen. Berichte über falsche Freunde, Prostitution, Kriminalität, zerrüttete Familien und Ausweglosigkeit. Erzählungen von der harten und bisweilen aussichtslosen Realität mit Heroin, Kokain und Ecstasy. Einen Vormittag lang sprachen die Schüler des Biologiekurses der Klasse 10 im Kloster Ensen in Köln, einer Entgiftungsklinik für suchtkranke Menschen, mit den Betroffenen. Schonungslos offene Gespräche über die Spirale in die Abhängigkeit, den verschlungenen persönlichen Lebensweg, dessen Ende mitunter nah war, und zarte Hoffnungen, vielleicht doch wieder ein normales Leben zu führen - ohne die Droge. Die Zehntklässler berichteten ihren Mitschülern aus dem Biologiekurs der achten Klasse über ihren außergewöhnlichen Ausflug in eine Welt, die für sie ansonsten verschlossen ist.

"Es hat mich sehr beeindruckt", sagt Nadja Mangold. Sie habe hautnah sehen können, was die Droge aus einem Menschen mache, wenn man ohne sie nicht mehr leben können. "Besonders krass war, dass die alle ziemlich nett waren, normal und ziemlich schlau", berichtet die 17-Jährige. Sie habe gelernt, dass nicht die Menschen schlimme seien, sondern die Drogen. Gespannt hörten die Achtklässler zu, stellten Fragen, studierten die Plakate, die ihre zwei Jahre älteren Mitschüler entworfen hatten oder lasen deren Berichte.

Da war zu lesen, was im Gehirn passiert, wenn man Heroin spritzt, wie schnell das zur Abhängigkeit führen kann. Aber auch Ecstasy, Alkohol, Haschisch, Nikotin, Kokain, Bulemie oder Magersucht haben die Zehntklässler thematisiert und - ganz entscheidend - den Weg in die Sucht und den aus der Sucht heraus.

Wichtigste Erkenntnis der Schüler: Letzteres ist ungleich schwerer. "Der erste Druck ist schon zuviel", schreibt Ksenia Konrad. Sie rate jedem, "selbst das Ausprobieren zu unterlassen, denn was du nicht weißt, macht dich nicht heiß."

"Nach den Erfahrungen will ich auf keinen Fall in Kontakt mit Drogen kommen. Das ist das Ende", sagt Nadja Mangold. Anderthalb Stunden haben sich die Schüler in kleinen Gruppen mit ein oder zwei Drogenabhängigen unterhalten. "Für die Schüler ist das sehr viel eindrucksvoller und interessanter, als wenn nur Eltern und Lehrer die Drogenproblematik thematisieren", sagte Biologielehrerin. Die Mutter eines Schülers, die in der Klinik arbeitet, hatte den Kontakt hergestellt. "Das sollten alle Schüler machen", meint Nadja Mangold.

Für die Patienten im Kloster Ensen ist das Gespräch mit Schülern Teil ihrer Therapie. "Kamillus meets school" heißt das Projekt, das Aufklärung und Prävention für Jugendliche leistet, und zeigt, dass auch in der Psychiatrie "normales" Leben stattfindet. Zugleich steigert die Begegnung das Selbstwertgefühl der Patienten, weil deren belastende Lebenserfahrungen im Gespräch mit den Schülern eine positive Bedeutung haben. Bei all dem werden Vorurteile und Berührungsängste abgebaut. "Als ich das gesehen und gehört habe, hat sich in mir eine Blockade gebildet. Ich werde das niemals machen", sagt der 17-Jährige Hayri Barcadurmus - "nur manchmal eine Zigarette rauchen und ein Bier trinken".

 
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